Mit einem obligatorischen Goethe-Zitat beginnt das Vorwort zur vorliegenden Anthologie:
„‚Frischer Mut beflügelt unser Leben, und das Neue wirkt belebend‘ ist ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, das die innovative Wirkung von Neuem und Veränderungen für eine dynamische Entwicklung unterstreicht“, schreibt eine der Herausgeberinnen, Prof. Dr. rer. pol. Heidi Reichle, die als Prorektorin für Didaktik, Digitalisierung und Hochschulkommunikation an der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten genau den passenden Bereich der akademischen Selbstverwaltung verantwortet. Tatsächlich wird „das Neue“, die sogenannte Künstliche Intelligenz, in sämtlichen Beiträgen, wenn nicht uneingeschränkt begrüßt, so doch „umarmt“.
So zum Beispiel im Beitrag von Marius Hofmeister und Markus Schneider „Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf die Informatik-Ausbildung an Hochschulen“ (S 107 – 122). Seine Überschrift dürfte Lehrkräfte abschrecken, die mit Informatik-Lehrgängen nichts gemein haben. Das wäre aber schade, denn der Beitrag ist sehr klar und verständlich geschrieben und liefert neben für alle Lehrkräfte wichtigen Impulsen in Bezug auf Prompt Engineering, KI-Toolkompetenz und die kritische Bewertung von KI-Ergebnissen auch schlicht klare Definitionen und kurz und knapp erklärte KI-Begriffe. Dieser Text wird auch dem Titel des Buches absolut gerecht, denn hier geht es sowohl um die Anpassung der Lerninhalte in einzelnen Modulen als auch um die dynamische Entwicklung, ja die mutige Modernisierung von Curricula.
Sehr interessant und wirklich für alle Fachrichtungen relevant ist der Text von Veronika Weber-Schopp ‚Zwischen Mensch und Maschine: Die Rolle der Hochschullehrenden im Umgang mit Künstlicher Intelligenz – Herausforderungen, Chancen und Reflexionsstrategien‘ (S. 123 – 136). Hervorzuheben ist, dass dieser Beitrag den Einsatz von Künstlicher Intelligenz nicht als Bruch mit bestehenden hochschuldidaktischen Ansätzen versteht, sondern fundiert und gleichzeitig konkret zeigt, wie zum Beispiel der Ansatz des „Reflective Practitioner“ (S. 124) im KI-Zeitalter implementiert werden kann. Die Tabelle „Anwendung von Augmentationsstrategien in der reflexiven Lehrpraxis“ auf Seite 131 kann als ständiger Begleiter sowohl bei der Vorbereitung von Lehrveranstaltungen als auch als Kompass für spontane Reaktionen im Lehrgeschehen dienen.
Ebenfalls sehr empfehlenswert ist meines Erachtens der Beitrag von Irena Schreyer und Jochen Weißenrieder gleich zu Beginn des praktisch orientierten Kapitels „Lehr-Lernaktivitäten“ (S. 77 – 92). Sein zentraler Mehrwert liegt darin, dass die E-Portfolios bei Erstsemesterstudierenden eingesetzt werden, um sie in der kritischen Übergangsphase von der Schule zur Hochschule effektiv zu unterstützen. Schreyer und Weißenrieder argumentieren plausibel, dass E-Portfolios als Instrument der strukturierten Selbstreflexion dazu beitragen können, diesen Transitionsprozess erfolgreich zu gestalten. Ein positiver Nebeneffekt dürfte darin bestehen, dass in der kritischen Reflexion geschulte Studierende die Outputs von KI-Algorithmen auch im weiteren Verlauf ihres Studiums nicht eins zu eins übernehmen, sondern hoffentlich weiter systematisch kritisch hinterfragen. Die Hochschule dürfte zusätzlich davon profitieren, dass die Portfolioarbeit mit begleitenden Lehrveranstaltungen und regelmäßigem Feedback dazu beitragen kann, die Abbrecherquote zu Beginn des Studiums deutlich zu reduzieren.
Kritisch anzumerken ist, dass die thematische Klammer im Titel „Dynamische Hochschule entwickeln“ nicht wirklich funktioniert. Der Eindruck eines Sammelsuriums aus mehr oder weniger zusammenpassenden Beiträgen wird insbesondere im Kapitel „Grundlagen“ verstärkt; hier wird meines Erachtens kein theoretisches Fundament gelegt, sondern es werden vier singuläre Themen zusammengeführt, die – wie alle Beiträge im Buch – aus der Feder von Autorinnen und Autoren zweier Hochschulen in Baden-Württemberg stammen.
Doch auch wenn die durch den Buchtitel geweckte Erwartung, womöglich vom Verlag marketingtechnisch formuliert, nicht wirklich eingelöst wird, sind die meisten Beiträge fundiert und aktuell, und das Buch insgesamt ist lesenswert.
Der Band ist 2026 im Waxmann Verlag erschienen und umfasst 236 Seiten. Neben den drei Herausgebenden kommen darin fünfzehn weitere Autorinnen und Autoren zu Wort. Wer zur broschierten Printausgabe greifen möchte, zahlt 34,90 € (ISBN 978-3-8188-0055-0). Wer erst einmal hineinlesen oder sich gezielt einzelne Beiträge vornehmen will, kann das Buch jedoch auch kostenfrei herunterladen: Es steht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 open access zur Verfügung (https://doi.org/10.31244/9783818850555). Das ist ein Umstand, der für eine Publikation über die Zukunft der Hochschullehre nur konsequent erscheint und den Zugang gerade für Lehrende anderer Fachrichtungen erfreulich niedrigschwellig macht.
Literaturangabe:
Preiß, F., Reichle, H., & Wendorff, J. (Hrsg.). (2026). Dynamische hochschule entwickeln: Ein multiperspektivischer zugang. Waxmann Verlag GmbH. https://doi.org/10.31244/9783818850555
