Vom 23. bis 26. Juni 2026 richtete das International Consortium for Educational Development (ICED) seine 21. Weltkonferenz an der geschichtsträchtigen, über 800 Jahre alten Universität von Salamanca (Spanien) aus. Unter dem Leitthema „Agency and Academic Development“ versammelten sich über 500 multiprofessionelle und multilaterale Teilnehmende aus 51 Ländern und Regionen, um in mehr als 300 Beiträgen die multidimensionale Handlungsfähigkeit (Agency) in der Hochschullehre strategisch, theoretisch und praktisch weiterzuentwickeln.
Die dghd-Community war vor Ort vertreten: Neben den Vorstandsmitgliedern Angelika Thielsch, Henrik Dindas und Miriam Ahmed-Burkhart gestalteten insbesondere fünf durch ein dghd-Reisestipendium geförderte dghd-Mitglieder den internationalen Diskurs aktiv mit: Alexandra Bergedick, Lisa Meissner, Anja Schulz, Angela Weißköppel und Stefan T. Siegel.
Ganzheitlicher Blick auf hochschuldidaktische Agency
Das Konferenzthema beleuchtete akademische Entwicklung und Handlungsfähigkeit auf verschiedenen systemischen Ebenen, um eine ganzheitliche Agency in der Hochschuldidaktik voranzutreiben. Der inhaltliche Fokus erstreckte sich dabei über zentrale Unterkategorien:
- Epistemologisches Wissen, Innovation und Scholarship
- Lehre, Lernen und Transformation auf organisatorischer Ebene
- Student Agency durch Empowerment des Lernens sowie die Transformation von Curricula.
Die Keynotes setzten dazu richtungsweisende Impulse: Dr. Ruth Graham (Großbritannien) sprach zur Anerkennung von Universitätslehre in akademischen Karrieren, während Prof. Dr. Franziska Zellweger (Schweiz) Perspektiven auf Handlungsfähigkeit im Curriculum eröffnete. Dr. David A. Green (USA) fokussierte in seiner Keynote eine werteorientierte Lehrentwicklung: In volatilen VUCA-Umgebungen (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity), so betonte David A. Green, sind starre Prozesse meist wirkungslos. Transformation entsteht erst durch das Zusammenspiel von individueller Agency, kollektiver Praxis und strukturellen Rahmenbedingungen. Als Fundament dienen handlungsleitende Werte wie Integrität, Inklusion, Zusammenarbeit und Reflexivität. Sie fungieren in krisenhaften Zeiten als notwendiger kollektiver Kompass und erfordern von Hochschuldidaktiker:innen den Mut, auf politischen Druck zu reagieren und professionelle Verantwortung für eine bessere Welt zu übernehmen.
Einblicke in die Arbeit und Beiträge unserer Stipendiat:innen
Der Besuch der Konferenz bot Raum für intensive Vernetzung, wie etwa beim IJAD/ICED26 Writing Retreat für Promovierende auf der PreConference, das wertvolle Impulse – wie die Nutzung von Audioaufnahmen als Reflexionsmedium in digitalen Lehrportfolios – lieferte. Die inhaltliche Bandbreite der Beiträge der dghd-Stipendiat:innen ist breit gefächtert:
SoAD in Deutschland: Ein nationales Mapping
Im Rahmen der Postersessions stellte Angela Weißköppel erste Ergebnisse einer bundesweiten Erhebung der dghd-Arbeitsgemeinschaft Scholarship of Academic Development (SoAD) vor. Die Befragung (Oktober bis Dezember 2025, ) lieferte ein erstes empirisches Mapping dazu, wie Lehrentwickler:innen in Deutschland SoAD verstehen und institutionell verorten. Dabei wurde ein deutliches Spannungsfeld sichtbar: Während Reflexion ein Kernbestandteil des professionellen Selbstverständnisses im Feld ist, wird der Schritt hin zu einer systematischen, evidenzinformierten und teilbaren Scholarship durch fehlende Zeit, geringe Anerkennung und unklare institutionelle Mandate erschwert.
PKM, Lehrportfolios und Verschwörungserzählungen
Stefan T. Siegel brachte gleich zwei Forschungsprojekte in den internationalen Diskurs ein. In seinem Vortrag „Reimagining Teaching Portfolios Through Personal Knowledge Management with Digital Tools for Thought“ (gemeinsam mit David Lohner und Maik Arnold) zeigte er auf, wie digitale Werkzeuge des persönlichen Wissensmanagements die Portfolioarbeit grundlegend verändern können. Zudem präsentierte er ein Poster zum hochaktuellen Thema „Faculty Members and Conspiracy Theories: Responsibilities, Risks, and Strategies in Higher Education“ (mit E. Troxler und Martin H. Daumiller), dessen Kernbefunde kürzlich im Journal Higher Education publiziert wurden.
Internationalisierung der Lehre durch Sprache
Im Sinne der Keynote von David A. Green dazu, wie echte Bildungstransformation nicht isoliert, sondern durch das Zusammenspiel von individueller Agency, kollektiver Praxis und strukturellen Rahmenbedingungen stattfinden kann, ist das von Alexandra Bergedick präsentierte Promotionsvorhaben zur Förderung des Lehrens und Lernens auf Englisch nicht muttersprachlicher Lehrender und Studierender als Beitrag zur Transformation gedacht.
Im Zuge global rasant zunehmender Internationalisierungsprozesse an Hochschulen, einhergehend mit maximaler Diversität auf multiplen Ebenen bei minimaler Unterstützung der Beteiligten, gilt es, in hochschuldidaktischer Forschung und Praxis Entwicklungen gezielt und wissenschaftlich fundiert zu unterstützen, denn:
„(…) although many higher education institutions worldwide have rushed to the jump on the EMI bandwagon, a strikingly low percentage of them have deemed it necessary to organize pre-service or in-service courses to help practitioners tackle this new teaching scenario.“ (Lasagabaster, 2022, p. 48).
Randnotiz: Aktuell werden für dieses Forschungsprojekt Lehrende gesucht, die ihr Fach an einer Hochschule in Deutschland auf Englisch unterrichten und an Workshops sowie Interviews teilnehmen möchten (Kontakt: alexandra.bergedick@tu-dortmund.de).
Kritische Diskurse: Dekolonialität, KI und „Beautiful Catastrophies“
Abseits der eigenen Beiträge partizipierten die Teilnehmenden an intensiven Werkstattgesprächen. Ein zentraler Impuls stammte aus dem Workshop „Critical Educational Development“ n sowie der Session zu dekolonialen Perspektiven und generativer KI. Wissen, Algorithmen und historische Datenstrukturen sind selten neutral, sondern oft von epistemischen Ungleichheiten geprägt. Im Sinne von Arturo Escobar gilt es, ein „Pluriverse“ zu gestalten – eine Welt, in die viele Welten passen. Für die hochschuldidaktische Praxis bedeutet das, tradierte Vorannahmen kritisch zu hinterfragen (Delinking) und relational zu fragen: Zu wem stehen wir in Beziehung – und wer fehlt in unseren Systemen?
Auch der Umgang mit Brüchen in der akademischen Entwicklung wurde im Rahmen eines Panels von Lisa Meissner aufgegriffen. Hier stand die Frage im Raum, wie Hochschuldidaktiker:innen konstruktiv mit Erfahrungen von Fehlversuchen oder sogenannten „beautiful catastrophies“ als produktiven Lerngelegenheiten umgehen können.
Internationaler Strukturvergleich und Fachzeitschriften
Im Special Symposium der ICED tauschten sich Netzwerke weltweit über strukturelle Rahmenbedingungen aus. Dabei zeigten sich erhebliche nationale Unterschiede im Rollen- und Organisationsverständnis. Diese Multiperspektivität spiegelte sich auch beim Treffen der Fachzeitschriften wider. Die hiesige Zeitschrift „die Hochschullehre“ stieß auf reges internationales Interesse, da sie sowohl dem Scholarship of Teaching and Learning (SoTL) als auch dem Scholarship of Academic Development (SoAD) einen gemeinsamen, integrativen Raum für praxisbezogene und theoretische Diskurse bietet.
Fazit und Ausblick
Salamanca bot als historischer Lernraum eine beeindruckende Kulisse, um über die Zukunft der Hochschulbildung nachzudenken. Das Libro Rojo – ein rotes Buch, in dem die Teilnehmenden ihre Motivationen eintrugen – fasste das Selbstverständnis des Feldes treffend zusammen: Passion, Empowerment, Fürsorge und Verbundenheit, getragen von einer klaren Werteverantwortung mit Blick auf die Studierenden. Oder um es mit den Abschiedsworten der ICED-Präsidentin Ariane Dumont zu sagen: „An Open Heart, an Open Mind“.
Die dghd dankt allen Stipendiat:innen für die engagierte Vertretung unserer Fachgesellschaft. Die nächste ICED-Konferenz wird 2028 in Japan stattfinden.
